Buchkritik: John Saul / Im Banne des Bösen

von Harry Fehlemann (Kommentare: 0)

Ein Buch wie eine verregnete Laterne bei Nacht

Eigentlich bin ich jemand, der sich gut in Geschichten hineindenken kann - glaube ich zumindest. Wenn die Story fesselt, es ausgewogene und gut beschriebene Charaktere gibt und die Dialoge nicht allzu platt daherkommen, bin ich schnell gebannt. Etwas anders ist das jedoch bei Horrorgeschichten. Stephen King schafft es noch, mich durch seinen Stil in den Bann zu schlagen. Dean Koontz vermag es mit der einen oder anderen verrückten Idee - aber das war es dann auch schon. So ist es John Saul mit „Im Banne des Bösen“ leider ebenfalls nicht gelungen, mich durchgängig bei der Stange halten. Und doch ist der Roman nicht wirklich schlecht.

John Saul, der ungelernte Bestsellerautor

Meine kleine Minirecherche im Internet zu John Saul brachte nur wenig Gehaltvolles zutage. Er kam 1942 in Pasadena, Kalifornien, zur Welt, hat sich in mehreren Hochschul-Fachrichtungen versucht, ohne allerdings je zu einem Abschluss zu gelangen, und schließlich beschloss er, sich seinen Kindheitstraum zu erfüllen. Er begann mit dem Schreiben. Es brauchte 15 Jahre und 10 Bücher unter verschiedenen Pseudonymen bis Saul seine Schriftsteller-Karriere tatsächlich beginnen konnte. Inzwischen haben seine Romane eine Gesamtauflage von 25 Millionen Exemplaren und belegen zahlreiche Bestseller-Listen. Das gibt ihm die Möglichkeit, sich neben der Schriftstellerei ganz seinen Hobbys Reisen und Golf spielen zu widmen. „Im Banne des Bösen“ wurde 1987 unter dem Originaltitel „The Unwanted“ erstmals veröffentlicht.

Cassies folgenreicher Umzug in die Kleinstadt

Cassie Winslow verliert ihre Mutter bei einem Autounfall, als sie 16 Jahre alt ist. Ihr Vater hat die Familie verlassen, als sie noch ein Kind war. Inzwischen ist er neu verheiratet und hat eine Tochter. Er nimmt die verschlossene Cassie auf und versucht ihr im kleinen Küstenort False Harbor ein geregeltes Zuhause zu bieten. Doch ab dem Tag, an dem das Mädchen in dem Ort eintrifft, beginnen seltsame Ereignisse die Menschen der Kleinstadt zu beunruhigen. Cassie freundet sich mit der geheimnisvollen Miranda und dem Nachbarsjungen Eric an. Als Miranda, die im Ort als Hexe verschrien ist, plötzlich stirbt, tritt das Mädchen in die Fußstapfen der Frau. Doch ohne es zu ahnen, hat sie einen Gegenspieler.

Cassie ist wie Carrie, nur stiller

Wie eingangs erwähnt, gehören Gruselromane nicht zu meiner bevorzugten Literaturform. Hin und wieder verirre ich mich aber doch in das Genre und dieses Mal fiel die Wahl auf John Sauls „The Unwanted“. Von ihm hatte ich eines seiner sehr frühen Werke gelesen und erinnerte mich, dass es wohl ganz gut war. So hoffte ich auf wohligen Grusel und fand mich bald in einer „Carrie“-Geschichte wieder. Stephen King hat mit dem Buch über die schüchterne Schülerin mit der fanatischen Mutter Maßstäbe im Hinblick auf Teenie-Horror gesetzt. Tatsächlich sind sich Carrie und Cassie (Woher wohl diese Namensähnlichkeit kommt?) in vielen Dingen sehr ähnlich. Vor allem eint sie das Übersinnliche, dessen sie beide sich in einer bizarren Art von Notwehr bedienen. Leider könnte man auch die stereotypen Nebencharaktere getrost von einem ins andere Buch übertragen. Doch wirkt Kings Plot, insbesondere im abschließenden Inferno, plakativ und grell. Sauls Story hingegen beherrschen die leisen Töne. Der Grusel ist schleichender und mündet in ein eher beschauliches Finale. Die Folge ist eine weitgehend dahinplätschernde Handlung mit kleinen, wenn auch teilweise durchaus spannenden Höhepunkten. Der fast nahtlose Übergang in einen ebenso unspektakulären Showdown ist daher nur konsequent. Wo bei King am Schluss die ganze Stadt in Flammen steht, lässt Saul die Protagonisten in ein seltsam stilles, aber nicht weniger bedrückendes Ende hineinfahren. Und doch: Man schließt die Seiten in gewisser Weise unbefriedigt. Ob es an dem fast geräuschlosen Finale liegt oder an der Tatsache, dass sich die Auflösung so perfekt in die Gesamtstimmung des Buches einfügt, bleibt für mich offen. Insgesamt kommt nur selten echter Grusel auf. Vielmehr wirkt die Atmosphäre wie der Blick auf eine verregnete, laternenbeschienene und menschenleere Straße bei Nacht. Konditioniert durch die verschiedensten Medien entsteht bei diesem Anblick eine unterschwellige Erwartungshaltung. Doch es geschieht nichts. Da macht die Spannung dann auch schnell einer gepflegten Langeweile Platz.

Nichts für Hardcore Genre-Fans

Zum Glück ist „Im Banne des Bösen“ keine verregnete Straße. Denn eine Grundspannung wird über die gesamte Geschichte beibehalten. Eine Reihe von Vorfällen sorgt zudem für kleine, aber feine Höhepunkte. Der große „Carrie“-Showdown bleibt jedoch aus. So ist der Roman eine stille und unspektakuläre Reise in das beschauliche Städtchen False Harbor. Die Ereignisse rund um Cassie erzeugen zwar ein leichtes Grundgrummeln, sind aber von Grusel oder gar Horror weit entfernt. Wer es so ruhig mag, dem sei das Buch ans Herz gelegt. Freunde der plakativeren und derberen Formen dieses Genres werden sich vermutlich bald langweilen und den Band möglicherweise schnell beiseitelegen.

Meine persönliche Beurteilung

Action

2/5 Sterne

Spannung

3/5 Sterne

Grusel

3/5 Sterne

Lesespaß

3/5 Sterne

Mein Urteil

3 Sterne

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