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Der Schlüssel

Das Rascheln unter seinen Füßen klang ein wenig wie fließendes Wasser. Die Feuchtigkeit zwischen seinen Zehen und der Duft des vergehenden Grüns verstärkten noch den Eindruck, er bewege sich durch einen seichten Teich. Doch es war nur ein Haufen bunten Laubs, den er langsam an seiner nackten Haut vorbeigleiten ließ. Es kitzelte und kribbelte und legte ein Lächeln auf seine Züge. Gerade bog er den dicken Zeh ein wenig, um ein hartnäckiges Blatt abzustreifen, als seine Fußsohle auf etwas stieß, das nicht in diese Empfindungswelt passte. Tastend glitt er mit dem Fußballen darüber. Er machte sich ein Vergnügen daraus, nur mit den haptischen Sinnen herauszufinden, um was es sich handelte. Es war kalt, zu kalt für einen Ast – und hart. Die Konturen wirkten abgerundet, wie auch der gesamte Gegenstand seinem Fuß Rundungen präsentierte. Zum Ende hin lief es in schlanker Form aus, nur um dann in einer zackigen Gebirgswelt einen Schlusspunkt zu setzen.

Schließlich ging er in die Hocke und zog den Gegenstand unter dem nackten Fuß hervor. Es war ein Schlüssel, altmodisch, mit weit geschwungenem, reich verzierten Kopf, einem röhrenförmigen, dünnen Hals und einem Bart, der zu einer Tür passte, deren Geheimnisse er vermutlich nie ergründen würde.

Während er das angelaufene Metall betrachtete, machte er einen Schritt nach vorn. Ein dumpfer Laut klang unter dem raschelnden Laub hervor und lenkte seine Aufmerksamkeit von dem Objekt in seiner Hand ab. Er war auf etwas Hölzernes getreten. Erneut ging er in die Hocke, schob das Blattwerk vorsichtig zur Seite und legte eine Luke frei, deren Holz grau und verwittert zwischen den Blättern hindurch schien. In ihrer Mitte prangte ein Schloss und ihm wurde klar, dass sich ihm dort nun doch die Lüftung des Geheimnisses um den Schlüssel offenbarte.

Aber war es wirklich das, was er wollte? Lag nicht der Reiz vielmehr im Wissen etwas nicht zu wissen, im Spiel der Phantasie, sich vorzustellen, was sich hinter dem Portal verbergen könnte, in Gedanken alle Möglichkeiten durchzuspielen? Ein verzweigtes Labyrinth, eine schlichte Kammer, eine andere Welt? Wartete dahinter Erstaunen oder Enttäuschung auf ihn? Lange ließ er seinen Blick zwischen Schlüssel und Schloss hin und her wandern. Dann lächelte er erneut und warf das alte angelaufenen Metall in hohem Bogen in einen Laubhügel.

Barfuß ging er weiter seiner Wege.

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