Das Rotkehlchen in der Schneekugel

©2021 by Harry Fehlemann

Wer nicht gerne lange Texte am Bildschirm liest, kann sich das Manuskript als PDF-Datei herunterladen.

Eveline war nicht viel geblieben. Ein paar persönliche Sachen, die unberührt in einer Ecke ihres Schrankes lagen, seine Lieblingstasse im Küchenschrank, die mit den hässlichen Rentieren, und die alte Gitarre, die er schon seit Jahren nicht mehr angefasst hatte. Wie oft hatte er davon gesprochen, irgendwann mal wieder mit dem Spielen anzufangen? Gelegentlich hörte sie ihn auch einige schräge Töne zupfen, doch immer, wenn sie das Zimmer betrat, hatte er das Instrument schnell zur Seite gelegt. Das Geräusch unharmonisch angeschlagener Akkorde hallte in ihrem Kopf wider und sie wurde erneut von tiefer Traurigkeit erfasst. Es war nicht das erste Mal, seit man sie von Daniels Verschwinden informiert hatte, und es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Dafür vermisste sie ihn zu sehr. Sie glaubte nicht, dass sie ihn liebte. Zumindest schob sie diesen Gedanken stets erfolgreich beiseite. Sie weigerte sich, ihre Freiheiten aufzugeben und in ihm mehr zu sehen, als einen guten Freund. Auch als er immer häufiger bei ihr übernachtete und es für die meisten längst nach einer Liebesbeziehung aussah, redete sie sich weiter ein, sie seien nur eng befreundet. Mit ihm konnte man allen möglichen Spaß haben – auch im Bett.

Dieses emotionale Kartenhaus geriet jedoch arg ins Wanken, als vor wenigen Tagen zwei Offiziere vor der Tür standen, um ihr die Nachricht zu überbringen, dass Daniel bei einem Angriff im afghanischen Bezirk Surobi verschwunden sei. Es hatte dort Tote und Verletzte gegeben, aber Daniel war nicht unter ihnen. Eine sofort eingeleitete Suche blieb erfolglos. Eveline war überzeugt davon, dass sie nicht wirklich gesucht hatten. Ein solches Risiko würden sie wegen eines einzelnen Mannes vermutlich nicht eingehen. Nachdem die beiden Uniformierten gegangen waren, hatte sie eine ganze Weile wie versteinert auf dem Sofa gesessen, in die Leere gestarrt und sich unterschwellig gefragt, weshalb die Soldaten ausgerechnet ihr die Nachricht überbracht hatten. Sie war doch nur seine Freundin. Hatte Daniel sonst keine Verwandten? Sie konnte sich nicht erinnern. Er hatte nie davon gesprochen. Mit der Zeit war in ihr die bittere Erkenntnis gereift, dass sie ihren Freund, mit dem sie so viele schöne Stunden erlebt hatte, nie wiedersehen würde. Und noch immer brach es nicht aus ihr heraus. Sicher, sie vergoss ein paar Tränen, aber der große Zusammenbruch blieb aus. Ohnehin war sie nie sonderlich nah am Wasser gebaut. Je mehr sie sich allerdings die Tatsache bewusst machte, desto klarer wurde ihr, wie sehr er ihr fehlen würde – sein Lachen, seine schrecklich albernen Späße, die Nächte. Vielleicht war es ja doch so etwas wie Liebe. Vielleicht redete sie sich die Freundschaft in einer Art Selbstbetrug nur ein – aus Angst vor den Konsequenzen, welche auch immer das sein mochten. Doch nun war es ohnehin zu spät. Warum hatte sie nicht darum gekämpft, dass er hier blieb? Es war seine Entscheidung, sagte sie sich, doch wenn sie ihn geliebte hätte, wäre ein Versuch das Mindeste gewesen. Vermutlich wäre er dennoch gefahren, aber sie hätte wenigstens um ihn gekämpft.

Nun saß sie gedankenverloren am Fenster ihrer Pariser Vorstadtwohnung, wie sie es in den zurückliegenden Tagen bereits unzählige Stunden getan hatte. Den Blick starr und ohne Ziel, gab sie sich Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes hin. Dabei ließ sie die glatte Glasfläche einer Schneekugel zärtlich an ihrer Handfläche entlang gleiten. Die Kugel hatte er ihr während eines Winterurlaubs in Österreich geschenkt. Sie zeigte ein kleines Schloss, vor dem ein riesiger grinsender Schneemann stand. Daniel hatte den kauzigen Ladenbesitzer nach dem Preis gefragt und so getan, als hätte er die Antwort verstanden. Sie wusste jedoch genau, dass er zwar ein wenig deutsch sprach, aber mit dem Österreicher Dialekt rein gar nichts anfangen konnte. Sein Entsetzen angesichts des exorbitanten Preises hatte er daraufhin geschickt versteckt und zähneknirschend bezahlt. Strahlend hatte er ihr das Souvenir überreicht und wie es sich gehörte vorher kräftig geschüttelt. Wie damals beobachtete Eveline jetzt die Schneeflocken in der klaren Flüssigkeit, die langsam zu Boden schwebten.

Mehr und mehr versank sie in der kitschigen weißen Landschaft und spürte plötzlich tatsächlich die eisige Kälte des künstlichen Schnees an ihren nackten Füßen. Ein sanfter Lufthauch wehte ihr eine Haarsträhne ins Gesicht und sie zitterte. Das Stadtfenster, ihre Wohnung, Paris, all das war nun weit entfernt, unwirklich, ein Traum aus längst vergangenen Tagen. Auch Daniel? Nein, Daniel war real, kein Traum. Doch wo war er?

Langsam setzte sie einen vorsichtigen Schritt vor den anderen und wanderte durch den lockeren Schnee. Sie spürte, wie ein Widerstand bei jeder Bewegung an ihren Muskeln zog und sie hatte das Gefühl, als komme sie nur in Zeitlupe voran. Obwohl sie barfuß war, störte sie die Kälte nicht mehr. Es wirkte eher erfrischend, zeigte ihr, dass sie lebendig war. Das kalte Wasser, das sich zwischen ihren Zehen gebildete hatte, prickelte ein wenig. Sie schaute sich um und entdeckte Details, die sie von außerhalb der Kugel nicht gesehen hatte. Das Schloss war einige hundert Meter entfernt und schien nun größer und prachtvoller. Der Schneemann hingegen war nichts weiter, als ein ganz normales, wenn auch annähernd perfekt geformtes Gebilde aus drei Schneekugeln, dem jemand mit einer Möhre und ein paar Kieselsteinen so etwas wie ein Gesicht gegeben hatte. Vor einer hoch verschneiten Hecke stand eine altmodische Holzbank, die völlig schneefrei war. Im Hintergrund begrenzte eine kahle Baumreihe einen Weg, der zum großen Garten vor dem Schloss führte, jetzt lediglich eine riesige, blendend weiße Fläche. Eveline genoss für einen Moment die schmalzige Unwirklichkeit der Szenerie, erfreute sich an ihrer Reinheit, ihrer Unschuld. Klare, ungefilterte Empfindungen brachen aus ihr heraus. Ein Leben – ihr Leben – zog an ihr vorbei und sie war nur unbeteiligte Beobachterin mit einer völlig neuen, positiveren Perspektive. Ein Film, bei dem das Verhalten der Hauptakteure stets Unverständnis und Kopfschütteln hervorruft. Nicht selten verliert man auf diese Weise seine Identifikationsfigur, so wie auch sie nun begann ihr eigenes Ich zu verlieren. Die Frage „Weshalb?“ strahlte hell wie eine Neonreklame von den Wänden vergangener Ereignisse und Entscheidungen wider. Sie blieb unbeantwortet und doch kannte Eveline in ihrer neuen Rolle als Außenstehende die Antwort: Es war Angst! Zusammengesetzt aus vielen kleinen Ängsten ist es am Ende die Angst vor dem Leben, ein roter Faden, an dem sie sich beinahe willenlos entlangbewegt hatte.

Eveline ließ sich auf der Bank nieder. Es schneite. Wenige, aber ungewöhnlich große Flocken sanken aus einem verschwommenen Himmel ohne Wolken herab. Dieser seltsame Himmel. Er schien wie ein Spiegel, der etwas verzerrt und undeutlich reflektierte. Zunächst hielt sie es für eine optische Täuschung, doch bald entdeckte sie Farben und Formen, die sich am Boden wiederfanden. Wie selbstverständlich präsentierte sich ihr damit auch die Erklärung. Sie war ja in einer Glaskugel und Glas warf nun einmal die Umgebung als Spieglung zurück. Den Kopf in den Nacken gelegt, fixierte sie aus einer Laune heraus eine der großen Schneeflocken und beobachtete ihren Flug, bis sich das Eisgebilde sanft auf ihrem nackten Fuß niederließ und zerfloss. Ein kaum spürbares Kribbeln begleitete die Auflösung und Eveline stellte erneut sachlich fest, dass der Schnee unter ihren Füßen keineswegs unangenehm war. Sie spürte ihn, aber er war nicht eiskalt – eher wie Federn, die zuvor in einem Kühlschrank gelegen hatten.

Geht es Ihnen gut?“

Sie erschrak und sprang auf. Unbemerkt hatte sich jemand neben sie auf die Bank gesetzt. Sie erkannte einen der beiden Offiziere, die ihr die Nachricht von Daniels Verschwinden überbracht hatten. Er war jung, jünger als Daniel, hatte aber harte, fast schwarze Augen. Auch wenn er lächelte, strahlte er keine Freundlichkeit aus. Es war kein böses Lächeln, doch irgendetwas in der Mimik verhinderte, dass es sympathisch wirkte. Und dann war da die Art und Weise, wie er ihr den Kopf zuwandte. Der uniformierte Körper saß stocksteif auf den Holzplanken der Sitzbank und nur der Kopf war fast um 90 Grad gedreht. Eine unnatürliche Haltung. Instinktiv drehte Eveline sich selbst ein wenig, um festzustellen, ob eine solche Bewegung überhaupt möglich war.

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Geht es Ihnen gut?“, fragte er erneut in exakt der gleicher Betonung, als habe man ein Tonband ein zweites Mal abgespielt.

Sie zögerte. Sie wusste, dass der Soldat nicht real war, wie nichts um sie herum gerade real war. Und doch versetzten sie die dunklen Augen und die monotonen Worte des Mannes in Unruhe. Bei aller Unwirklichkeit der Szenerie meldete eine innere Stimme, dass er nicht hierher gehörte. Ein Fehler in der Matrix, der ihren angeborenen Ordnungssinn störte und behoben werden musste.

Wir glauben, Ihr Freund hat nicht gelitten.”

Wieder diese seltsam eintönige Sprechweise. Weshalb sagte er das. Sie hatte darüber bisher noch nicht nachgedacht. Für sie war Daniel einfach weg, ohne weitere Ausschmückung, nur weg. Sofort kehrte die Traurigkeit zurück und sie schluckte schwer. Der Soldat lächelte noch immer, doch sein Lächeln hatte sich verändert. Es war zu einem Grinsen geworden, das den Gesichtszügen nun etwas beinahe Diabolisches verlieh. Sie trat einen großen Schritt zurück, um Abstand zu gewinnen. Alarmglocken in ihrem Kopf schrillten laut und eindringlich.

Wissen Sie, solche Einsätze sind immer ein Risiko.“, sagte der Offizier im Plauderton, „Das hat Ihnen Ihr Freund doch sicherlich gesagt. Jeder Soldat sollte sich dieser Risiken bewusst sein. Auch die Angehörigen täten gut daran, sich damit vertraut machen .”

Was wollen Sie von mir?“

Etwas zu laut und zu heftig fauchte Eveline den Mann an und unterbrach so seinen Redefluss. Ein Hauch der Verärgerung huschte über die Gesichtszüge, dann präsentierte er ihr eine weitere Variante aus dem Repertoire des Lächelns – Arroganz. Mit einer Herablassung, die sie mitten ins Herz traf, erwiderte er:

Na, wenn Sie naiv genug waren, sich der Möglichkeit des Verlusts nicht bewusst zu sein, dann kann ich Ihnen auch nicht helfen.“

Vermeintlich das Interesse verlierend, wandte er sich von ihr ab und schwieg. Seine vor Verachtung triefenden Worte bahnten sich noch ihren Weg durch Evelines Gehirnwindungen, als sie im Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Ein kleiner Vogel, ein Rotkehlchen, hüpfte zwischen den entlaubten Zweigen eines niedrigen Baumes umher und gab dabei trillernde Laute von sich. Es erstaunte sie immer wieder, wie es derart zierliche Geschöpfe durch den bittersten Winter schafften. Sie selbst hielt sich für einigermaßen robust und fror dennoch recht schnell, sobald sie Schnee und Eis ausgesetzt war. Wie viel Stärke und instinktiver Überlebenswille doch in diesen kleinen Lebewesen steckte.

Ziellos sprang das Tier auf der Suche nach Insekten von Ast zu Ast. Dann erreichte es den äußeren Rand der Baumkrone und zwitscherte fröhlich in ihre Richtung. Gleichzeitig kam Bewegung in den Soldaten auf der Bank. Er schien beunruhigt. Sein Kopf fuhr hoch und er begann, mit zusammengekniffenen Augen den Horizont abzusuchen, als erwarte er eine Bedrohung aus der Ferne. Fast glaubte sie, so etwas wie Angst in seinem Blick zu sehen. Der Vogel wechselte den Baum und gab erneut einige Töne von sich. Das Geräusch versetzte den Uniformierten in nervöse Aufregung. Er sprang auf, packte Eveline grob am Arm und zog sie mit sich.

Wir müssen gehen!“

Jetzt reichte es ihr. Sie musste gar nichts! Mit einem kräftigen Ruck riss sie sich los und blieb stehen. Mit grimmigem Blick fixierte sie den Mann und stellte fest, dass er ihr zunehmend Angst einjagte. Und erneut hallte es in ihrem Kopf wider: Er gehörte nicht hierher. Er war ein Fremdkörper in dieser friedlichen Umgebung. Sein unangenehmes Äußeres, die Uniform, sein Verhalten, all das störte die Harmonie der Szenerie.

Als sie seinem Griff entglitt, machte er noch zwei Schritte, stoppte dann mitten in der Bewegung und starrte sie einige Sekunden verwirrt an. Ihr Widerstand schien außerhalb seines Vorstellungsvermögens zu liegen und er wusste offenbar nicht, wie er darauf reagieren sollte. Wie ein aufmerksam lauschender Hund legte er den Kopf schräg und erwog offensichtlich die nächsten Schritte. Derweil verließ das Rotkehlchen seinen Platz in der Baumkrone und landete vor Evelines Füßen. Fröhliche Laute von sich gebend hopste es im Schnee umher und schaute immer wieder zu ihr auf. Dann hob es einige Zentimeter ab, flog eine Schleife und ließ sich schließlich auf ihrem nackten Fuß nieder. Die kleinen Krallen kitzelten sie und fast hätte sie albern gekichert. Doch plötzlich glaubte sie zu verstehen und rannte los. Gerade noch rechtzeitig, denn kaum hatte sie dem Offizier den Rücken zugewandt, stürzte dieser mit einem martialischen Aufschrei hinter ihr her. So schnell es die zähe Atmosphäre der Umgebung zuließ, hastete sie, dem Rotkehlchen folgend, auf das Schloss zu. Dabei hinterließ sie tiefe Fußabdrücke im makellosen Schnee. Um nicht über verborgene Hecken oder Büsche zu stolpern, achtete sie darauf, den Wegen zu folgen, was bei der nahezu einheitlich weißen Fläche nicht ganz so einfach war. Doch der kleine Vogel flog zielsicher voraus.

Im Augenwinkel sah sie, wie der Soldat in einiger Entfernung querfeldein auf sie zu lief und prompt über ein verschneites Hindernis stolperte. Er legte sich der Länge nach hin und verschwand fast vollständig im tiefen Schnee. Schneller, als ihr lieb war, hatte er sich aber wieder aufgerappelt und die Verfolgung fortgesetzt. Eveline visierte das rettende Eingangsportal des Schlosses an und beschleunigte ihre Schritte. Das Rotkehlchen tanzte aufgeregt zwitschernd um ihren Kopf herum und trieb sie zusätzlich zur Eile. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, sie kam dem Tor keinen Meter näher. Stattdessen schien es fast, als würde es sich von ihr entfernen.

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Die seltsam dicken Schneeflocken fielen nun dichter von dem diffusen Himmel und nahmen ihr immer wieder die Sicht. Schließlich geschah es doch. In ihrer Hast stolperte sie über ihre eigenen Füße und lag nun selbst im tiefen Weiß. Panik meldete sich. Den Atem des Uniformierten praktisch schon im Nacken spürend, sprang sie auf und hechtete nach vorne. Das dröhnende Rumms einer schweren Tür und die plötzlich eintretende Dunkelheit überraschten sie so sehr, dass sie zunächst verwirrt in der Bewegung verharrte und vorsichtig umher tastete.

Es herrschte absolute Stille. Eveline spürte geradezu die undurchdringliche Schwärze ihrer Umgebung. Verstärkt durch die seltsame Atmosphäre, die sie langsam und schwerfällig machte, hatte sie den Eindruck in einen Eimer mit dickflüssigem Sirup gefallen zu sein. Und doch war die Panik verschwunden und auch die Angst hatte sich in eine hintere Ecke ihres Bewusstseins zurückgezogen. Was jetzt? Mit ausgestreckten Armen bewegte sie sich einige Schritte in verschiedene Richtungen, konnte aber nichts zur Orientierung ertasten. Erst ein zaghaftes Piepsen wies ihr den Weg. Sie konzentrierte sich auf das sich wiederholende Geräusch und steuert vorsichtig darauf zu. Als sie den Vogel schließlich direkt vor sich auf dem Boden vermutete, fanden auch ihre umher tastenden Hände ein Ziel. Sie spürte massives, offensichtlich reichhaltig verziertes Holz – eine Tür. Schnell packte sie den Türgriff und drückte ihn herunter.

In diesem Augenblick durchbrach ein ohrenbetäubendes Donnern die ölige Schwärze. Jemand trommelt mit den Fäusten gegen das Eingangsportal. Wieder ertönte gedämpft der Kampfschrei des Soldaten, und ein Schauer lief Eveline über den Rücken. Sie war sicher, einen fremdartigeren Laut noch nie zuvor gehört zu haben. Schnell riss sie die entdeckte Tür auf und hoffte sehnlichst auf einen Fluchtweg. Zu ihrer Freude lag nun ein langer, kahler Gang vor ihr. Die Wände waren grob verputzt, der Boden erweckte den Eindruck nackten Steins. Ein diffuser Lichtschimmer aus unbekannter Quelle beleuchtete den grauen Korridor und ermöglichte es Eveline, zügiger voranzukommen. Das Rotkehlchen schoss über ihren Kopf hinweg und flog voraus.

Im Nebenraum war es nun wieder still. Doch Eveline glaubte nicht daran, dass der Offizier aufgegeben hatte. Sie war überzeugt davon, dass er ihr weiterhin auf den Fersen war und jeden Moment in den Gang treten würde. Nach einer Biegung stand sie erneut vor einer massiven Tür, die sie ohne zu zögern durchschritt. Sie hoffte, auf der anderen Seite einen Schlüssel vorzufinden, um ihrem Verfolger endgültig den Weg zu versperren, wurde jedoch enttäuscht.

Der Durchgang führte in einen hohen Raum, der sich als mittelalterliche Küche herausstellte. Durch ein Fenster links von ihr drang Tageslicht, das auf die groben Steinplatten des Fußbodens fiel. Zwei schwere Holztische waren mit verschieden Kochutensilien vollgestellt. Schüsseln aus Blech und Ton, Schneidebretter, Kochlöffel, Töpfe, Kuchenformen und etliches mehr machten den Zweck des Raumes eindeutig. Über die gesamte Wand neben der Tür, durch die sie eingetreten war, erstreckte sich eine massive grauschwarzen Küchenzeile, die meist aus schmiedeeisernen Öfen bestand. Auf den Kochstellen fanden sich große Kessel aus Kupfer und Auflaufformen aus Steingut.

Alles wirkte dunkel, verwittert und sehr alt. Offensichtlich war diese Küche seit langer Zeit nicht mehr in Benutzung. Staub und Spinnweben breiteten sich überall aus. Und doch strahlte die Szenerie etwas Beruhigendes und Beständiges aus. Es lag eine ungewöhnliche Ruhe in der herrschenden Unordnung, die auf Eveline übersprang. Ihre Anspannung löste sich ein wenig und auch der Vogel saß aufgeplustert auf dem Deckel einer kupfernen Kanne. Als Evelines Blick das Regal entlang wanderte, auf dem die Kanne stand, erweckte ein Gegenstand ihre Aufmerksamkeit, der ihr seltsam vertraut vorkam. Sie erkannte ihn nicht genau, da er teilweise von einer Kuchenform verdeckt war, doch sie hatte den Eindruck, er gehöre nicht hierher. Farbe und Material stachen aus dem Grau und Braun der übrigen Utensilien deutlich hervor. Um an das Regalbrett heranzureichen, musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen. Schließlich hielt sie den Gegenstand in den Händen und ein Schauer durchlief sie. Es war Daniels Tasse mit den hässlichen Rentieren.

Gebannt starrte sie auf das moderne Stück Porzellan, das in dieser Umgebung wie ein Anachronismus wirkte. Wie oft hatte sie ihm darin seinen Kaffee gebracht, wie viele Male sie abgespült und wie selbstverständlich in den Schrank zurückgestellt, so als sei sie fester Bestandteil ihres Lebens? Was hatte sie hier zu suchen? Wie kam sie hierher? Wieder musste sie sich bewusst machen, dass sie sich in einem Traum befand. Fast hätte sie es vergessen. So ergab auch die Tasse in dieser unwirklichen Umgebung einen Sinn – zumindest teilweise. Ein Trillern riss sie aus ihren Gedanken und sie sah, wie der Vogel in ihre Richtung blickte. Mit einer Melodie aus ernst wirkenden Pfeif- und Zwitscherlauten schien er ihr etwas mitteilen zu wollen. Sie glaubte, zu verstehen. Das Tier erhob sich von seinem Platz und steuerte eine Tür am anderen Ende des Raumes an. Sorgfältig stellte Eveline Daniels Tasse zurück ins Regal – sie war sicher, sie gehörte genau hierher – und folgte dem Rotkehlchen.

Der Gang, den sie betrat, war dem ersten sehr ähnlich. Doch an den Wänden brannten Fackeln, die alles in ein gespenstisches Licht tauchten. Nach wenigen Metern trafen sie auf eine Reihe von Abzweigungen und Treppenauf- und abgängen. Der Vogel flog zielstrebig voraus, als kenne er den Weg. Das war auch notwendig, denn bald hatte Eveline völlig die Orientierung verloren und verließ sich blind auf das Tier. Kurz kam ihr der Gedanke, dass der Soldat sich hier vermutlich heillos verlaufen würde und ein Schimmer von Hoffnung zeigte sich.

Der Weg nahm kein Ende und langsam schwand ihr Glaube an die Ortskenntnisse des Vogels. Sie lief nun schon recht lange in diesen katakomben-gleichen Tunneln umher und hatte mehr als einmal das Gefühl, im Kreis gelaufen zu sein. Sie wäre nicht sonderlich überrascht, wenn der Offizier plötzlich hinter der nächsten Biegung auftauchen würde. Die innere Anspannung wuchs wieder – zusammen mit der Ungeduld. Schließlich blieb sie entnervt stehen und rief: „Wohin soll das führen?“, wohl wissend, dass das Rotkehlchen sie ohnehin nicht verstehen würde. Doch es flog eine Schleife, setzte sich auf ihre Schulter und murmelte in ihr Ohr: „Noch etwas Geduld. Wir sind bald da.“ Ja, es hörte sich tatsächlich ein wenig wie ein Murmeln an. Doch war es keine richtige Sprache, mit der es die Worte formte. Es klang eher wie das verhaltene Zwitschern eines kleinen Vogels. Und doch verstand sie und sie glaubte ihm. Als er sich wieder in die Lüfte erhob, folgte sie ihm ohne Zögern.

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Einige Minuten später stieg sie eine steile, ausgetretene Steintreppe hinauf und stand plötzlich in gleißendem Licht. Strahlender Sonnenschein fiel durch ein deckenhohes und breites Panoramafenster an der Längswand eines großen Festsaals. Das Fenster bot einen fantastischen Ausblick über eine weite Schneelandschaft. Im Gegensatz dazu war der Saal angesichts seiner immensen Dimensionen geradezu spartanisch ausgestattet. Teppiche an den Wänden und auf dem Boden sollten Behaglichkeit verbreiten, wirkten aber eher lieblos platziert und unpassend. Am gegenüber liegenden Ende stand ein massiver Eichentisch, umgeben von wuchtigen Stühlen mit hohen Rückenlehnen. Hier hätte eine ganze Hochzeitsgesellschaft problemlos Platz gefunden. Einige unbequem wirkende Sofas und Sessel in einer dunklen Ecke bildeten ein Séparée, das nicht gerade zur gepflegten Unterhaltung mit Freunden bei Tee und Gebäck einlud. Eine kleine Nische mit einem reich verzierten Spinett und einem Kontrabass, der eigentlich in eine viel spätere musikalische Epoche gehörte, strahlte hingegen so etwas wie Freundlichkeit aus. Das geradezu zierliche Tasteninstrument faszinierte sie. Würde sie über das Talent verfügen, Klavier zu spielen, hätte sie es sicher einmal ausprobiert. Es war ihrem Mangel an der erforderlichen Geduld zuzuschreiben, dass sie sich diese Fertigkeit nie angeeignet hatte. Seitlich am Spinett lehnte, etwas verdeckt, ein hölzerner Gegenstand, der offensichtlich ebenfalls ein Instrument war. Maserung und Farbe des Holzes kamen ihr vertraut vor. Doch wie bei einem bekannten Gesicht, dem man aus dem Stegreif keinen Namen zuordnen konnte, fiel ihr nicht gleich ein, wo sie ein solches Holz schon einmal gesehen hatte. Erst als sie direkt davor stand, erkannte sie, worum es sich handelte.

Obwohl es für sie in dieser Traumwelt kaum mehr eine Überraschung war, schlug ihr Herz dennoch ein wenig schneller, als sie Daniels Gitarre betrachtete. Wie um sich selbst von der Realität zu überzeugen, ging sie in die Hocke und ließ zärtlich ihre Finger über das glatte Holz gleiten. Aus Angst, die Vertrautheit des Instruments könne plötzlich verpuffen, wagte sie nicht mehr als das. Die kleine Geste reichte, um die Erinnerung an vergangene Momente zurückzuholen. In ihrem Kopf hallten heimlich angeschlagene Akkorde unharmonisch wider und sie sah sein verschämt dreinschauendes Gesicht, wenn er die Gitarre an ihren Platz zurückstellte. Sich in den vertrauten Bildern ihres Kopfkinos verlierend, vergaß sie für einen kurzen Moment den Saal, den Offizier und den Vogel und ergab sich den Emotionen zurückliegender Erinnerungen.

Doch die Zeit für melancholische Gedanken wurde ihr nicht gelassen. Mit wildem, durchdringendem Gezwitscher brachte sie das Rotkehlchen wieder in die Traum-Realität zurück. Wie von einem Sturm hin und her geworfen schoss es durch den Raum und gab dabei laute, fast schon hysterische Rufe von sich. Sofort angesteckt von dem hektischen Geflatter sprang Eveline auf und sah dem Vogel fragend nach. Der zog immer engere Kreis um sie herum und landete schließlich auf ihrer Schulter. Aufmerksam wartete sie, überzeugt davon, er würde ihr gleich den Grund für seine Aufregung mitteilen. Doch kaum hatte er sich niedergelassen, gab er Ruhe.

Schritte näherten sich.

Eveline zog sich mit klopfendem Herzen in den hinteren Teil des Raumes zurück. Im Augenwinkel nahm sie eine weitere Tür wahr, die sie für eine mögliche Flucht vormerkte. Allerdings hatte sie nicht vor, noch länger davonzulaufen. Sollte er doch kommen. Sie wollte nun endlich wissen, weshalb der Verrückte so hinter ihr her war.

Die Tür, durch die sie den Saal betreten hatte, öffnete sich einen Spalt.

Sie wartete, angespannt und mit klopfendem Herzen, aber auf alles gefasst. Und auch das Rotkehlchen schien von Flucht nichts mehr wissen zu wollen. Stattdessen saß es aufgeplustert und sich putzend auf ihrer Schulter, ganz mit sich und der Welt in Einklang. Warum verhielt sich der Vogel plötzlich so anders? Sie neigte eigentlich nicht dazu, Tieren menschliche Verhaltensweisen anzudichten, doch er hatte sie bisher sicher durch diese Traumwelt geführt. Was hatte sich verändert?

Der dunkle Türspalt wurde breiter und die Scharniere gaben ein leises Knarren von sich.

OK, es war eine Traumwelt und da konnte alles geschehen, sei es auch noch so unlogisch. Die Möglichkeit, dass sie den Verstand verlor, gehörte dazu. Da verlässt man sich auch mal auf einen kleinen Vogel. Während sie versuchte, das Geheimnis zu ergründen, spürte sie, wie sich etwas langsam in ihrem Bewusstsein ausbreitete. Der zaghafte Funke eines Gedankens, der sich blitzschnell durch ihre Windungen bewegte, weitere elektrische Impulse versammelte und zu einem Geistesblitz formierte.

Eine Silhouette wurde im Türrahmen sichtbar, groß, breitschultrig und bedrohlich.

Gerade war sie geneigt, sich mit der Erklärung abzufinden, als die Erkenntnis einer kleinen Explosion gleich über sie hereinbrach. Nicht der Vogel oder die Umgebung, sondern SIE hatte sich verändert. SIE war es, die beschlossen hatte, nicht mehr davonzulaufen und sich stattdessen dem was geschehen mochte zu stellen. Das Rotkehlchen entsprang nur ihrer Phantasie, wie alles andere um sie herum. Sie war es, die den gefiederten Freund ins Leben rief, der dafür sorgte, ihr ausreichend Zeit zu lassen. Zeit, mit sich und ihren Gefühlen ins Reine zu kommen. Was fühlte sie wirklich? Welche Rolle spielte Daniel in ihrem Leben? Wie ehrlich wollte sie zu sich selbst sein? Denn dann wäre sie auch in der Lage, sich dem Unausweichlichen zu stellen.

Als sich der Durchgang schließlich vollends öffnete und ihr Verfolger in den großen Saal trat, erwartete sie ihn mit einer Mischung aus Trauer und Freude. Mit klopfendem Herzen lief sie auf Daniel zu…

Der Ausblick aus dem Fenster ihrer Pariser Vorstadtwohnung strahlte etwas Beruhigendes aus. Die Blätter an den Bäumen der kleinen Allee kündigten bereits den Herbst an. Autos kurvten langsam umher, auf der Suche nach einem der seltenen Parkplätze, und ein junges Pärchen auf der anderen Straßenseite unterhielt sich angeregt. Als Eveline die Schneekugel zurück auf das Fenstersims stellte, lächelte sie. Es war ein Lächeln voller melancholischer Traurigkeit, aber auch erfüllt von einer Zufriedenheit, die ihr in den letzten Tagen gefehlte hatte. Jetzt wusste sie endlich weshalb. Sie hatte akzeptiert, dass er nicht wieder zurückkommen würde, ebenso, wie sie sich nun ohne jeden weiteren Zweifel eingestand, dass es eben doch mehr als eine innige Freundschaft gewesen ist. Der Selbstbetrug hatte ein Ende. Dieses Ende war nicht im eigentlichen Sinne ein Happy End und dennoch war sie zufrieden. Denn sie wusste, dass sie damit leben konnte. Als sie sich vom Fenster abwandte und ihr Blick zärtlich über seine ungestimmte Gitarre in der Nische zwischen Schrank und Ecktisch wanderte, verpasste sie den zierlichen Vogel, der sich von ihrer Fensterbank erhob und die nächste Baumkrone ansteuerte.

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