Mastodon, das “bessere Twitter”

Mal ehrlich: Wer ist denn aktuell noch auf Twitter? Eine weitere Frage möchte ich gleich anschließen: Macht es noch Spaß dort?

Ohne die Antworten auf diese Fragen tatsächlich zu kennen, denke ich, dass zumindest einige intensiv darüber nachdenken, ob ein Verbleib bei Twitter wirklich noch notwendig, sinnvoll oder gar moralisch vertretbar ist. Denn im Laufe der letzten Jahre hat sich der Kurznachrichtendienst erheblich gewandelt, ein Wandel, der im November 2022 noch einmal kräftig an Fahrt zugenommen hat. Was war geschehen?

Ein neues Spielzeug

Elon Musk, zweitreichster Mensch der Welt, wollte sich nach Autobau, Raumfahrt und einer Vielzahl weiterer kleiner Hobbies nun auch dem Betrieb eines globalen sozialen Netzwerkes widmen. In der Vergangenheit ist er bei Twitter mit schrillen Posts immer mal wieder angeeckt und nicht selten verstieß er dabei auch gegen die Regeln des Unternehmens. Als sein vehementer Ruf nach vermeintlicher Meinungs- und Redefreiheit nicht fruchtete, hatte er wohl die Faxen dicke, kaufte den Laden schlichtweg und setzte sich selbst als Alleinherrscher auf den Thron.

Damit begann das Chaos. Unzählige Twitter-Mitarbeiter wurden kurzerhand auf die Straße gesetzt, kuriose Regeln erlassen, wieder zurückgenommen und erneut eingeführt. Dann startete er seinen persönlichen Rachefeldzug. In einer konstatierten Aktion ließ er mal eben eine ganze Reihe von Journalisten-Accounts sperren. Es waren ausgerechnet die Medienvertreter, die sich zuvor sehr kritisch bis ablehnend mit Musk auseinandersetzten oder auseinandergesetzt haben. Damit aber nicht genug. Auch Organisationen ging es nun an den Twitter-Kragen. Gemeinnützige Vereine, wie der Digitalcourage e.V., ebenfalls nicht unbedingt Freunde von Musk, wurden genauso gesperrt, wie diverse Wettbewerber. So musste schließlich auch der heißeste Twitter-Konkurrent Mastodon bald dran glauben.

Es machte keinen Spaß mehr

Und dort bin nun auch ich gelandet. 15 Jahre hatte ich einen Twitter-Account, den ich allerdings ab 2015 nur noch sporadisch bediente. Der Grund hierfür findet in der aktuellen Entwicklung seinen vorläufigen Höhepunkt. Denn mit dem damaligen Auftauchen der AfD in der deutschen Politiklandschaft wurde der Umgangston auch bei Twitter plötzlich rauer, die Retweets immer unverschämter und Twitter als Ganzes zunehmend zur Ärger-Plattform. Damit zurück auf die Frage von vorhin: Nein, es machte einfach keinen Spaß mehr. Wo man zuvor meist einigermaßen gesittete Diskussionen führte, musste man sich jetzt mit Drohungen, Fäkalbeleidigungen, Querschwätzern und Verschwörungsdummheit herumschlagen. Es war am Ende nur noch nervenaufreibend. Mit Elon Musk an der Spitze wird sich diese Entwicklung noch erheblich verstärken. Die Zeichen sind mehr als deutlich und erste Maßnahmen wurden von ihm bereits in die Wege geleitet. Denn unter dem scheinheiligen Deckmäntelchen der Redefreiheit hat er praktisch alle Regeln aufgehoben. Wobei selbstverständlich nur die frei Reden dürfen, die Musk genehm sind – siehe gesperrte Journalisten. Rassisten, Hetzer, Verschwörungstheoretiker und sonstiges krankes Volk dürfen nun unter Musk ihren geistigen Dünnpfiff frei in die Welt posaunen – mit dem Effekt, dass ehemalige Twitter User zu Hunderttausenden fluchtartig die Plattform verlassen und zu Mastodon wechseln. Dabei sind es nicht nur die kleinen Nutzer. Auch große Organisationen, viele Regierungsinstitutionen und namhafte Twitterer sehen in diesem neuen Portal das bessere Twitter. Auch ich habe an dem Tag, als klar war, dass Musk das Ruder übernimmt, meine zwei Accounts gelöscht – Rückkehr ausgeschlossen.

Mastodon, ein Teil des Fediverse

Doch was ist Mastodon eigentlich. Ich schrieb eben, es sei das „Bessere Twitter“. In gewisser weise ist das auch der Fall, weil es im Prinzip einem ähnlichen Bedienkonzept folgt. Als Nutzer verwendet man seinen Account, um Nachrichten in einer festgelegten Länge zu versenden (bei Mastodon sind es meist 400 Zeichen), dabei Fotos oder Videos anzuhängen und auf andere Nachrichten durch Antwort, Teilen oder Favorisieren zu reagieren.

Doch das Geheimnis des Erfolges liegt im Verborgenen. Mastodon ist nämlich Teil des Fediverse. Dieses Fantasiewort ist ein Akronym, gebildet aus dem Begriff „Federated Universe“ – übersetzt föderiertes Universum. Dahinter verbirgt sich ein riesiges Netzwerk aus eigenständigen und von ehrenamtlichen Admins betriebenen Servern, die sich untereinander vernetzt haben. Dabei nutzen sie unterschiedliche Software-Plattformen, unter anderem auch Mastodon.

Der Clou bei der Sache ist die Unabhängigkeit. Die eingesetzte Software Mastodon ist Open Source und kann daher von jedem, der mit dem nötigen Know-How versehen ist, eingesehen und ggfls. auch überprüft und geändert werden. Doch viel wichtiger ist: Durch die Verteilung des Netzwerks auf zahllose Server, die zudem von Freiwilligen betrieben werden, ist es keinem Elon Musk der Welt möglich, dieses Netzwerk mal eben zu kaufen. Denn es gehört niemandem. Die Software ist frei erhältlich und jeder darf kostenlos mitmachen – und ja, es darf auch jeder einen eigenen Server aufsetzen, wenn er möchte.

Ein wichtiger Punkt ist zudem der Datenschutz. Da das Fediverse keinerlei wirtschaftliche Interessen verfolgt – denn es gibt ja keinen Besitzer, der sich dadurch bereichern könnte – werden auch keine Daten gesammelt und für Werbezwecke missbraucht. Nur zur Erinnerung: Twitter, Facebook, Instagram und ähnliche Plattformen scheinen nur auf den ersten Blick kostenlos. Der Preis, den man jedoch bezahlt, sind die eigenen Daten, die man preisgibt, und wer sich einmal intensiver mit dem Thema Datennutzung im Internet befasst hat, wird feststellen, dass dies ein sehr hoher Preis ist.

Um Teil des Fediverse zu werden, ist es erforderlich – wie bei Twitter auch – einen Account anzulegen. Doch gibt es im Gegensatz zu Twitter keine zentrale Stelle, sondern man muss sich zunächst einen Server aussuchen, auf dem man sich zu Hause fühlen würde. Vorzugsweise nimmt man einen, der den eigenen Interessenslagen am nächsten kommt. Ich habe mich passenderweise für https://literatur.social entschieden. Ist man einmal auf dem Server angemeldet, hat man nun theoretisch die Möglichkeit mit dem gesamten Fediverse zu kommunizieren. Das Look & Feel von Mastodon und den verschiedenen verfügbaren Apps ist mit dem von Twitter vergleichbar, wenn es auch in Details andere Mechanismen und durchaus auch Gepflogenheiten gibt.

Mal schauen…

Ich bin auf den Tag genau zwei Monate auf der Plattform und ich weine Twitter nicht die geringste Träne nach. Hier ist der Umgangston respektvoll und auch hier halten sich meine Follower (leider) in übersichtlichen Grenzen. Doch die „Gespräche“ die man führt, sind mit dem Stress, den Twitter phasenweise erzeugte nicht einmal im Ansatz vergleichbar. Ganz im Gegenteil, hier fühle ich mich sehr wohl.

Mit einer gewissen Schadenfreude beobachte zur Zeit noch den rasanten Niedergang von Twitter und hoffe innigst, dass ein Elon Musk nicht noch mehr Unternehmen mit seiner krankhaften und rechtslastigen Exzentrik in den Ruin führt. Denn wenn sich nicht schnell etwas ändert, wird Twitter genau dieses Ende nehmen. Ich würde es allerdings nicht sonderlich bedauern.

Titelfoto: NASA
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